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  • AutorenbildSaskia Lackner

You can get it - if you really want

Aktualisiert: 23. Apr.



Der vorliegende "Essay" ist lückenhaft, denn es gäbe so viele Aspekte zu beleuchten. Ich möchte heute über den Umgang mit Geld sprechen. Nicht im Sinne einer Vermehrung oder Optimierung, sondern die Frage angreifen, ob und inwieweit Geld glücklicher machen kann. Warum es unter reichen Menschen mehr Depressionen gibt und sich das auch in reicheren Gesellschaften zeigt. Ich selbst habe mir diese Frage nämlich schon öfter gestellt, gerade wenn das Geld eher knapper war. Geld war dann für mich ein Mittel, um zu etwas zu gelangen: z.B. zu einem gefühlt notwendigen Urlaub. Oder freier Zeit. Oder einer Aus- bzw. Weiterbildung, die mich weiterbringen sollte. Oder als Zugang zu Psychotherapie. Oder in Studienzeiten etwas anderem als Pasta mit Pesto.


Laut Duden hat der Begriff „Geld“ folgende Bedeutungen: 1.) in staatlichem Auftrag aus Metall geprägtes oder auf Papier gedrucktes Zahlungsmittel; 2.) größere [von einer bestimmten Stelle stammende, für einen bestimmten Zweck vorgesehene] Summe oder 3.) Geldkurs im Börsenwesen. Das Wort "Geld" hat seine Ursprünge im Althochdeutschen, wo es als "gelt" bekannt war und verschiedene Bedeutungen wie "Entgelt, Zins, Lohn, Opfer, Einkommen, Wert, gelten" umfasste. Erstmals tauchte es im Jahr 790 auf. Im Mittelhochdeutschen wurde es als "geld/gelt" übernommen und bekam bereits die Bedeutung von Geld und Zahlungsmittel. Diese Bedeutung ist bis heute in Begriffen wie Entgelt oder abgelten präsent.


Dass Geld als Zahlungsmittel fungiert, ist den Meisten klar, zahlen wir doch Miete oder im Supermarkt unser Essen. Wir zahlen eben auch Urlaube oder Restaurantbesuche, vorausgesetzt wir können es uns leisten. Das heißt, irgendwoher muss das Geld dafür kommen. Ein Großteil kommt durch Erwerbsarbeit. Aber eben nicht nur, denn es lässt sich auch erben oder gewinnen, wobei letzteres eher selten vorkommt. Und damit komme ich schnell zum Wert der Dinge wie im Begriff beschrieben. Dieser Wert, gerade bei der Erwerbsarbeit ist sehr unterschiedlich in unserer Gesellschaft bemessen; manche verdienen eher wenig und manche eher viel, unabhängig von der Stundenanzahl. Soziale und eher weiblich konnotierte Berufsgruppen wie Erzieher_innen oder Pfleger_innen verdienen traditionell weniger, während die maßgeblich männlich geprägten, meist technischen  Berufe, wie beispielsweise IT, Ingenieurswesen etc. eher mehr verdienen. Hinzu kommt Arbeit mit viel Status, wie Management oder Finanzwesen, in denen auch mehr Männer vertreten sind. So politisch sollte der Text gar nicht werden, doch hier zeigt sich eben der Wert, dem wir gewissen Dingen beimessen.


Es gibt einiges an Ratgeberliteratur und auf Social Media, wie jedes Individuum nun zu mehr Geld kommen kann. Coaches versprechen einem, wie sich leicht Zehntausend Euro monatlich verdienen lassen, wenn man nur dies oder jenes mache. Geld wird dabei hauptsächlich als Ressource betrachtet, und Gurus und Finanzmenschen werben gleichermaßen für ein abundance mindset, in dem Fülle wiederum Fülle anzieht. Auf  Netflix kam ich unlängst im Krankenstand auf die Reality-Serie How to live your rich life, in der Finanzberater Ramit Sethi, der selbstverständlich auch ein Buch geschrieben hat, Menschen berät, ihr eigenes, reiches Leben zu verfolgen und (Finanz-)Ziele zu erreichen. Dabei geht es, weil Standort in den USA, in vielen Fällen erst einmal darum, die Schulden wegzubekommen, die sehr leicht zu machen sind, da es leichter möglich ist, verschiedene Kreditkarten (inklusive Zinsen) zu erhalten. Und somit zu Schulden und schlechter Kreditwürdigkeit zu kommen. Ramit Sethi unterhält zudem einen Blog, der bezeichnenderweise heißt „I will teach you how to be rich“ und hier betont er, dass dieses propagierte, reiche Leben für jeden anders aussieht, je nach Zieldefinition. Das mag für jemanden der Traum vom Haus sein, für andere der Traum vom Reisen oder im Falle eines Einwanderers die hart arbeitende Mutter in Pension schicken zu können. Der Duft nach Geld verströmt jedenfalls Freiheit.

Dies gilt auch für andere neoliberale Theorien der Selbstoptimierung, die im Grunde genommen der Resonanztheorie oder law of attraction entsprechen: hast du viel, ziehst du eben auch viel an. Attraction is everything. Wie in Katie Byrons The Work, das ja ironischerweise auch Arbeit im Titel beinhaltet. Es liegt jedenfalls an dir, das zu erreichen. Wenn du nur willst. Man denke an den Song „you can get it if you really want. But you must try, try, try” (Du kannst mir an anderer Stelle für den Ohrwurm danken!).


Der Matthäus-Effekt, eine von der Soziologin Harriet Zuckerman entwickelte These, beschreibt genau das, nämlich dass Erfolge oft auf früheren Erfolgen basieren und weniger auf gegenwärtigen Leistungen. Dies liegt daran, dass Erfolge eine erhöhte Aufmerksamkeit erzeugen, was wiederum Ressourcen schafft, die weitere Erfolge wahrscheinlicher machen. Kleine Anfangsvorteile einzelner Akteur_innen können sich zu großen Vorsprüngen entwickeln, während eine kleine Anzahl von Akteur_innen den Großteil aller Erfolge für sich beansprucht, während die Mehrheit erfolglos bleibt. Dieses Phänomen wird in Sprichwörtern wie „Wer hat, dem wird gegeben“, „Es regnet immer dorthin, wo es schon nass ist“, „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“ und „Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu“ thematisiert und wurde gerade wegen des ersten Sprichwortes eben „Matthäus-Effekt“ getauft.

Ich sage nicht, dass der Matthäus-Effekt nicht zutrifft, hat er auch mit Aufmerksamkeit zu tun. Ich wehre mich aber, dass alles in der Hand des Individuums liegt und es nur an dir (oder mir) liegt, an Erfolg zu glauben, zu manifestieren und eben the work zu machen, und dann kommt alles quasi von allein.

Manche Menschen erreichen dieses Ziel schließlich und kommen entweder unverhofft durch Erbe, Arbeit oder einen Lottogewinn zu Vermögen, das sie vorher nicht hatten. Dann kann es sogar unter Umständen zu einem sudden wealth syndrom, das erste Mal in den 1990er Jahren erforscht, führen: einem Unvermögen, mit diesem Vermögenswechsel  und den inhärenten Folgen umgehen zu können. Dies kann sogar zu Depressionen und einem veränderten Selbstbild führen sowie einer kompletten Überforderung. Auf einmal wollen andere Menschen Geld von einem, weil du es ja jetzt hast. Es gibt neue Privilegien, Zugänge zu Kreisen, die vorher verschlossen waren. Was tun mit dem Geld? Investieren? Ausgeben? Wofür? Hier zeigt sich, dass die meisten Lottogewinnenden nachher oft Schulden haben, weil sie über ihre Verhältnisse und das neu erworbene Geld gelebt haben. Es entweder nicht „klug“ angelegt haben oder gar nicht. Oder einfach verprasst, wie mein Ur-Opa, als er über eine Million damals erbte. Daher gibt es bei sudden wealth oft eigens Berater_innen von großen Banken, die einem dann beibringen, wie es sich nun klug noch weiter vermehren lässt. Zurück zum Matthäus-Effekt also.


Die Glücksforschung zeigt, dass Geld nur bedingt glücklicher macht: hier ist z.B. eine bekannte Langzeitstudie von Harvard-Forschenden zu nennen. Es gibt in der subjektiv erhobenen Zufriedenheitsmessung einen Effekt, dass bis zu einem bestimmten Level Geld tatsächlich zufriedener macht. Dieses Level wurde 2023 angepasst, hier spielt auch die Inflation eine Rolle und bezieht sich (auch kulturell) auf den US-amerikanischen Raum, sprich es geht um Lebenshaltungskosten und was es zu einem guten Leben ohne Sorgen braucht (z.B. eine Gesundheitsversicherung). Ebenfalls interessant: bei der Duden-Recherche erschien im Zusammenhang mit Geld gleich sorgenfrei. Ich möchte anmerken, dass die Glücksforschung methodisch entweder die subjektiv erlebte Zufriedenheit, also eine kognitive Evaluierung misst oder die ebenfalls subjektiv erlebte Häufigkeit von positiven Gefühlen. Bei der Zufriedenheitserhebung der Harvard-Studie steigt das Glücksniveau nicht mehr an nach diesem erwähnten Level. Folglich kann dann noch mehr Geld kommen, dies macht nicht glücklicher oder verpufft schnell, die Zufriedenheit (weil kognitiv evaluiert) bleibt. Obwohl es heißt, es weint sich komfortabler in einem Rolls Royce als in einem Fiat. Hier gibt es nämlich auch den Effekt, der als hedonic adaption bezeichnet wird und meint, dass erwartete Ergebnisse einen größeren Impact hätten als sie dann tatsächlich haben. Das Glücksempfinden fällt auf den Referenzpunkt, den Ausgangszustand zurück. Ich kann mich erinnern, dass mir das in Bezug auf mein Abitur so ging: jahrelanges Hinfiebern auf die große Freiheit kam dann nicht gleich mit dem eher faden Gefühl „aha, das war’s jetzt?“ als der Zeitpunkt endlich da war. So geht es einigen Menschen, die ein Ziel erreicht haben, sei es der Job, auf den hingearbeitet wurden, das Auto, das Haus. Das Glücksempfinden nivelliert sich dann. Und so sind dann abschließend die national-kulturellen Unterschiede zu erklären in den UN-Happiness-Reports, in denen einige Länder sicher nicht kognitiv evaluieren, dass sie zufrieden sind, weil in Armut lebend. Dafür aber dennoch ein großes Aufkommen an positiven Gefühlen im täglichen Leben haben. Der größte Teil der nicht unproblematischen Glücksforschung wird sowieso in sogenannten WEIRD societies (western, educated, industrialized, rich, democratic) erhoben und ist daher mit Vorsicht zu sehen.


Menschen, die wissen, dass sie erben werden, werden daher oft hingeführt zum Umgang mit Geld. Neulich las ich einen Artikel, dass viele Millionäre genau deshalb zu Zurückhaltung aufrufen: eine nicht teure Uhr tragen und vor allem nicht über den Kontostand sprechen, um Bittsteller gar nicht erst auf die Bühne zu holen, wird geraten. Oder umgekehrt gibt es keine Einführung – das, was Vorfahren erwirtschaftet haben, fällt ihnen zu. In letzterem Fall fehlt der Bezug zum Geld und manches Mal zur Sinnerfüllung. Hier habe ich einige Beispiele beobachten können. Es gibt zu Reichtum weniger Daten als zur Armut, weil laut Studien z.B. der JKU reiche Menschen weniger auskunftsfreudig sind. Es ließe sich (laut JKU) über die Besteuerung ermitteln, aber beispielsweise in Österreich gibt es keine Vermögens- oder Erbschaftssteuer. Die meisten Daten sind noch am ehesten durch die Household Finance and Consumption Survey (HFCS) vorhanden, ein Projekt der Nationalbanken. Es scheint aber festzustehen, dass 40% des Vermögens in der Hand von 1% Personen liegt. Also nicht vielen. Reichtum ist relativ. Aber zumindest 70 Prozent der reichsten Haushalte in Österreich haben mindestens einmal ein bedeutendes Erbe erhalten. Doch der Matthäus-Effekt? Oder simple Rechnung?


Geld dient als Statusmittel, der Zugang verschafft (schließlich lässt es sich viel leichter zu einem Kredit kommen, kannst du etwas vorweisen) und dieses Privileg lässt sich ungern verlieren. Sei es der Zugang zum elitären Segelclub oder anderen Clubs, hier findet Kapital zu sozialem Kapital.

In meiner Beobachtung waren viele Menschen, die Geld haben, ständig besorgt, es zu verlieren. Geld war dann in vielen Fällen auch eine Last, weil der Verlust des Geldes im Raum stand. Ich kannte eine Familie, die sich ständig sorgte, dass ein kostbares Kunstwerk in einem Wert von mehreren tausend Euro im Ferienhaus abhanden kommen könne. Sorgen, die ich tatsächlich nie hatte, obwohl ich mir oft mehr Geld gewünscht hätte. Oder zumindest keine Sorgen wollte, weil zu wenig Geld da war. Dass Armut belasten kann ist wohlbekannt. Die Sorgen, die Miete oder Nachzahlung nicht zahlen zu können, möchte ich wirklich nie wieder haben.

Dass es auch eine Last sein kann, Geld zu haben, weil dies zu anderen Entscheidungen führen kann, soll kein Mitleid auslösen. Wenn einem beinahe alle Optionen offen stehen, auch die teureren, kann diese Kontingenz zu einer Überforderung führen. Weil theoretisch alles möglich ist. Es mag dann schwieriger zu sein, sich festzulegen, z.B. auf eine Karriere. Während ich das beneidete, weil ich während meines Studiums Teilzeit arbeitete (eigentlich seit meiner Schulzeit) und in den Ferien noch zusätzliche Stunden, konnten sich wohlhabendere Freunde erholen. Ich hingegen habe nie mehr als 3 Wochen nicht gearbeitet.


Wenn alles möglich ist, lässt sich ein Leben als Privatier führen, da ja nicht auf Erwerbsarbeit zurück gegriffen werden muss, sondern Zeit frei einteilbar ist. Eine weitere Ressource. Und auf einmal gibt es ganz viel davon. Davon träumen viele Menschen – Herr oder Herrin der eigenen Zeit zu sein. Womit aber wenige rechnen: auf einmal tauchen Sinnfragen auf. Wofür die Zeit einsetzen? Wofür aufstehen jeden Morgen? Wo Prioritäten setzen? Mir blieb nach dem Studium oder danach gar nicht die Option, eine „Auszeit“ zu machen, einfach weil die Miete erarbeitet werden wollte. Zu viele Optionen können lähmen und der Bezug zum Geld, wenn nicht selbst erarbeitet, kann dann fehlen und in Richtungs- und Orientierungslosigkeit münden.


Es scheint doch etwas dran zu sein an der Maslowschen Bedürfnispyramide, die besagt, dass nach physiologischen und Sicherheitsbedürfnissen hierarchisch Individual- und schließlich Selbstverwirklichungsbedürfnisse stehen. Deci und Ryan formulieren im Rahmen ihrer Selbstbestimmungstheorie zudem drei grundlegende psychologische Bedürfnisse:

1)    Ein Bedürfnis nach Kompetenz: Das Bedürfnis, sich fähig und wirksam zu fühlen, sowie die Fähigkeit zu entwickeln, die eigenen Ziele zu erreichen.

2)    Bedürfnis nach Autonomie: Das Bedürfnis, das eigene Verhalten freiwillig und selbstbestimmt zu steuern, ohne externe Kontrolle oder Zwang.

3)    Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit bzw. Zugehörigkeit: Das Bedürfnis, in Beziehungen zu anderen Menschen integriert zu sein, akzeptiert und unterstützt zu werden sowie Verbundenheit zu spüren.


Diese drei Grundbedürfnisse spielen eine zentrale Rolle für das psychische Wohlbefinden und die intrinsische Motivation eines Individuums, so die Autoren. Geld als Zahlungsmittel zahlt hier auf das 2. Grundbedürfnis ein, nicht notwendigerweise auf die anderen beiden. Das Bedürfnis nach Kompetenz also erfüllen sich sehr viele Menschen im Bereich der Erwerbsarbeit. Es sind auch andere Felder denkbar und überhaupt stellt sich dann schnell die Frage, was wir als Arbeit definieren. Zunehmend ist von Care-Arbeit die Rede. Oder ehrenamtlicher Arbeit. Alles sinnvoll, aber ohne Lohn. Trotzdem Arbeit?


Die Psychologin Tatjana Schnell sagt beispielsweise: "Sinn ist mehr als das, was vor Augen ist." Sie betont, dass Sinn etwas ist, das wir erkennen, wenn wir feststellen, dass etwas auf etwas anderes verweist. Es deutet darauf hin, dass es etwas Größeres gibt oder dass weitere Bedeutungen folgen könnten. Sinn ist nicht gleich Glücksempfinden oder Zufriedenheit, die gemäß der hedonic adaptation auf einen Ausgangszustand zurückfällt. Sinnerleben erfährt das Individuum nach Schnell über Zugehörigkeit. Bedeutsamkeit, ein Erleben von Kohärenz (Stimmigkeit) sowie einer Ausrichtung. Und das mit oder ohne Geld.

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